Grundlagen & Vertrag
girocard mit Vorautorisierung und in Händler-Apps: was 2027 für Ihre Kartenkosten zählt
Euro Kartensysteme öffnet die girocard für Reservierungen und Händler-Apps. Was der Wechsel von der Kreditkarte im Jahr bringt und welche Vertragsklausel ihn freigibt.
Die girocard soll künftig auch dort funktionieren, wo Betriebe heute eine Kreditkarte verlangen müssen: bei Reservierungen mit Vorautorisierung und bei Zahlungen in Händler-Apps. Euro Kartensysteme hat beides am 25. August 2026 angekündigt, einen verbindlichen Starttermin nennt das Unternehmen bislang nicht. Für Häuser mit Reservierungsgeschäft ist das vor allem eine Kostenfrage: Wechseln 720.000 € eines Kartenumsatzes von 2,4 Mio. € von der Verbraucher-Kreditkarte auf die girocard, sinken die Kartengebühren um rund 6.100 € im Jahr.
Ob Sie davon etwas sehen, entscheidet nicht das Kartensystem, sondern Ihr Preisblatt. Dieser Beitrag trennt, was angekündigt ist, von dem, was belegt ist, rechnet den Effekt an einem Hotel mit zwei Häusern durch und zeigt, welche Vertragsklausel die Ersparnis freigibt oder beim Acquirer behält.
Was Euro Kartensysteme angekündigt hat
In der Pressemitteilung zu den Halbjahreszahlen vom 25. August 2026 heißt es, die girocard werde „künftig auch in Händler-Apps als Zahlungsoption sowie in Bezahlsituationen, in denen eine Vorautorisierung des Zahlungsbetrags notwendig ist, etwa bei Mietwagen- oder Hotelbuchungen“, zur Verfügung stehen. Dieselbe Mitteilung beziffert die Reichweite des Systems: 1.397.000 aktive Terminals im ersten Halbjahr 2026, ein Plus von 11,1 Prozent, dazu 4,21 Milliarden Transaktionen und 151,9 Milliarden Euro Umsatz bei einem Durchschnittsbon von 36,12 €. Die girocard ist damit das meistgenutzte Bezahlverfahren an der deutschen Ladenkasse, und sie war bisher ausgerechnet in den Situationen nicht einsetzbar, in denen der Betrag beim Bezahlstart noch offen ist.
Die Produktseite zur Vorautorisierung nennt vier Anwendungsfälle. Hotels und Restaurants sollen eine No-Show-Gebühr schon bei der Reservierung autorisieren können. Autovermieter sollen die Kaution bei der Fahrzeugübergabe autorisieren und bei Rückgabe verrechnen, inklusive Schäden oder Mehrkilometern. Reiseveranstalter sollen Anzahlungen für Pauschalreisen autorisieren und den Restbetrag später einziehen, auch in Raten und ohne erneutes Vorlegen der Karte. Für Abonnements und Mitgliedschaften, etwa in Fitnessstudios und Vereinen, heißt es, „bald“ seien auch wiederkehrende Zahlungen über die girocard möglich.
Ein Datum steht auf keiner dieser Seiten. Euro Kartensysteme schreibt durchgehend „zukünftig“ und „bald“. Die Fachpresse nennt Anfang 2027 für die Reservierungsfunktion und Frühjahr 2027 für die Zahlung in Händler-Apps; TECHBOOK berichtete das am 27. Juli 2026 unter Berufung auf Christopher Kirsch, Direktor Produktentwicklung girocard bei Euro Kartensysteme, der dort auch sagt, Sparkassen und Volksbanken hätten die nötigen technischen Anpassungen bereits umgesetzt. Das sind Planungen und keine zugesagten Termine. Für Ihre Vertragsarbeit ist der genaue Monat ohnehin zweitrangig, weil der Hebel am Preisblatt hängt und nicht am Starttermin.
Warum die Reservierung heute die teuerste Zahlung im Haus ist
Eine Reservierung läuft heute über eine Kreditkarte oder eine internationale Debitkarte, weil die girocard die flexible Vorautorisierung bisher nicht beherrscht. Beide Alternativen sind teurer als die girocard. Der Interchange ist bei Verbraucher-Kreditkarten aus dem EWR auf 0,3 % gedeckelt (EU-Verordnung 2015/751), bei Verbraucher-Debitkarten auf 0,2 %. Diese Deckel betreffen aber nur einen Teil des Preises. Nach den Richtwerten für den Mittelstand liegt der effektive Satz einer Verbraucher-Kreditkarte bei 0,9 bis 1,4 Prozent, bei Firmen- und Nicht-EWR-Karten bei 1,5 bis 2,5 Prozent und mehr. Die girocard kommt im selben Betrieb auf 0,2 bis 0,35 Prozent.
Für ein Haus mit Reservierungsgeschäft heißt das: Ein erheblicher Teil des Umsatzes landet auf der teuersten Preisstufe, weil die Rezeption bei der Buchung eine Garantie braucht, und nicht wegen einer Vorliebe des Gastes. Wie stark das die Kostenstruktur prägt, zeigt der Beitrag zu den Kartengebühren in der Hotellerie. Die folgende Gegenüberstellung legt die beiden Kartenarten nebeneinander, und zwar für denselben Vorgang.
| Verbraucher-Kreditkarte | girocard nach Einführung | |
|---|---|---|
| Interchange-Obergrenze (EWR, Verbraucherkarte) | 0,3 % | 0,2 % |
| Effektiver Satz, Richtwert Mittelstand | 0,9–1,4 % | 0,2–0,35 % |
| Stufe im typischen Zwei-Stufen-Vertrag | 1,69–1,89 % | 0,29 % |
| Reservierung heute möglich | ja | nein, angekündigt |
| Bei Gästen ohne deutsches Konto | in der Regel vorhanden | nicht vorhanden |
| Autorisierungsentgelt je Anfrage | fällt an | fällt an |
Die Zeile zum Zwei-Stufen-Vertrag zeigt, dass der Abstand im Preisblatt größer ausfallen kann als in der Kostenwirklichkeit: Viele Verträge kennen nur eine girocard-Stufe und einen Sammelsatz für alles andere. Die Zeile zum Autorisierungsentgelt zeigt die Grenze der Ersparnis. Dieses Entgelt hängt am Vorgang und nicht an der Kartenart, es bleibt also unverändert bestehen.
Das Rechenbeispiel: Hotel mit zwei Häusern
Nehmen wir ein inhabergeführtes Hotel mit zwei Häusern, 2,4 Mio. € Kartenumsatz im Jahr und rund 11.000 Check-ins. Der Durchschnitt je Aufenthalt liegt damit bei etwa 218 €. Das Haus verlangt bei jeder Buchung eine Kartengarantie und akzeptiert dafür heute nur Kreditkarten.
Die entscheidende Annahme ist der Anteil, der nach einer Einführung tatsächlich wechseln würde. Wir rechnen mit 30 Prozent des Kartenumsatzes, also 720.000 €: Gäste mit deutschem Konto, die heute die Kreditkarte nur deshalb zücken, weil ihnen die Rezeption keine Wahl lässt. Prüfen Sie diesen Anteil an Ihren eigenen Zahlen nach, er ist der empfindlichste Wert der ganzen Rechnung.
Für die Sätze nehmen wir 1,15 Prozent bei der Verbraucher-Kreditkarte, die Mitte der Spanne, und 0,30 Prozent bei der girocard, also das obere Ende ihrer Spanne. Das rechnet die Ersparnis bewusst klein. Heute kosten die 720.000 € damit 8.280 € im Jahr. Nach dem Wechsel sind es 2.160 €. Die Differenz beträgt 6.120 €, also 0,85 Prozentpunkte auf den umgeschichteten Umsatz. Bezogen auf den gesamten Kartenumsatz von 2,4 Mio. € sind das 0,26 Prozentpunkte, und zwar ohne dass das Haus einen einzigen Gast, einen Preis oder einen Anbieter verändert hätte.
Gegenzurechnen ist der Teil, der bleibt. Zählt Ihr Vertrag Reservierung und Abschluss als zwei Vorgänge, fallen bei 11.000 Reservierungen und 0,07 € je Vorgang 770 € im Jahr allein für die zusätzlichen Anfragen an. Diese Position hängt an der Vorautorisierung selbst und ändert sich mit der Kartenart nicht. Netto bleibt die Umschichtung trotzdem der deutlich größere Posten.
Welche Vertragsklausel die Ersparnis freigibt
Die Rechnung oben unterstellt, dass Ihr Vertrag jede Kartenart zu ihrem eigenen Satz abrechnet. Das ist nicht selbstverständlich. Beim Blended-Pricing fasst der Acquirer Interchange, Scheme Fees und Marge zu einem Mischsatz zusammen. Gilt dieser Mischsatz für alle Kartenarten, ändert eine günstigere Karte an Ihrer Rechnung nichts: Sie zahlen weiter denselben Prozentsatz, und die Differenz bleibt beim Acquirer.
Der verbreitete Zwei-Stufen-Vertrag mit 0,29 Prozent auf girocard und 1,79 Prozent auf alle übrigen Karten führt rechnerisch zu einem größeren Effekt: 1,5 Prozentpunkte auf 720.000 € sind 10.800 € im Jahr. Dieser Betrag mischt allerdings zwei Dinge. Rund 6.100 € sind der Kartenart-Effekt, die übrigen rund 4.700 € sind der Aufschlag, den der Sammelsatz schon heute auf jede Nicht-girocard-Zahlung erhebt. Diesen zweiten Teil holen Sie sich auch ohne neue Funktion zurück, wie der Beitrag zur Verschiebung im Kartenmix zeigt.
Praktisch heißt das: Verlangen Sie eine eigene Preisstufe für die girocard und lassen Sie sich schriftlich bestätigen, dass vorautorisierte girocard-Zahlungen in dieselbe Stufe fallen wie die Präsenzzahlung an der Kasse. Ohne diesen Zusatz steht Ihnen 2027 die Auslegung offen, eine Reservierung sei ein eigener Vorgangstyp mit eigenem Preis. Wer ohnehin über das Abrechnungsmodell nachdenkt, findet im Vergleich von IC++ und Blended-Pricing die Entscheidungsgrundlage: Im Pass-Through-Modell schlagen Verschiebungen im Kartenmix automatisch korrekt durch, ohne dass Sie den Vertrag nachjustieren.
In-App-Zahlungen: was Ihre App dafür können muss
Der zweite Teil der Ankündigung betrifft Betriebe mit eigener App. Ein App-Checkout ist heute eine Fernzahlung, also kartenabwesend abgerechnet, mit höheren Scheme Fees; ohne starke Authentifizierung trägt dabei der Händler das Betrugsrisiko. Die girocard soll künftig in der App hinterlegt und über die Banking- oder Authentifizierungs-App der Bank freigegeben werden, abgesichert über starke Kundenauthentifizierung. Bezahlt wird dann in der App oder am Kassenscanner per Barcode oder QR-Code.
Euro Kartensysteme listet die Voraussetzungen für Händler konkret auf: eine Anbindung an einen Online-Netzbetreiber, der die Funktion unterstützt, die Integration des girocard-Interfaces nach Styleguide, die Einbindung einer bereitgestellten Bibliothek zur Ermittlung von Identifikationsmerkmalen und Device-Fingerprint, die Speicherung einer Referenz-ID aus der Hinterlegung sowie die Mitwirkung am Dispute Management. Vor der produktiven Schaltung sind eine funktionsspezifische Pilotierungsvereinbarung und Funktionstests der Deutschen Kreditwirtschaft vorgesehen. Das ist ein Integrationsprojekt und kein Schalter im Händlerportal.
Interessant ist das Whitelisting. Kundinnen und Kunden stimmen einmalig zu, einen Händler als vertrauenswürdigen Zahlungsempfänger zu speichern; spätere Zahlungen laufen dann ohne erneute starke Authentifizierung, die Anzeige des Codes muss aber über Face ID, Touch ID oder PIN gesichert sein. Für Betriebe mit wiederkehrender Kundschaft verkürzt das den Checkout. Zu den Entgelten dieser Funktion liegt nichts Belastbares vor, weshalb hier keine Zahl steht.
Was Sie bis dahin tun können
Auf den Starttermin zu warten bringt wenig, weil die Vorbereitung ausschließlich aus Vertragsarbeit besteht. Drei Schritte reichen.
- Zählen Sie die Preisstufen in Ihrem Preisblatt. Steht die girocard dort mit eigenem Satz, ist die Grundlage da. Steht dort ein Einheitssatz oder nur „girocard“ und „übrige Karten“, haben Sie Ihr erstes Verhandlungsthema, unabhängig von 2027.
- Messen Sie zwei Anteile aus zwölf Monatsabrechnungen: wie viel Umsatz über Reservierungen läuft und wie hoch der Anteil der Gäste mit deutschem Konto ist. Beide zusammen ergeben den Betrag, um den es bei Ihnen tatsächlich geht.
- Legen Sie das Thema auf den nächsten Verhandlungstermin, nicht auf den Starttermin der Funktion. Preisstufen werden bei Vertragsverlängerungen geändert, und eine Stufe, die schon steht, muss 2027 niemand mehr erkämpfen.
Diese Vorarbeit lohnt sich auch dann, wenn die Vorautorisierung später kommt als geplant oder zunächst nur bei einem Teil der Institute funktioniert. Eine saubere Preisstufe je Kartenart wirkt vom ersten Tag an, weil sich der Kartenmix ohnehin laufend verschiebt.
Unterm Strich ist die girocard-Vorautorisierung kein Grund, den Anbieter zu wechseln, und auch kein Anlass für ein Projekt. Sie ist ein Argument dafür, das Preisblatt vor 2027 so zu sortieren, dass jede Kartenart ihren eigenen Satz trägt. Wer das erledigt hat, nimmt den Vorteil mit, sobald die Funktion verfügbar ist. Wer es nicht erledigt, merkt von der Umstellung nichts, weil der Mischsatz jede Verschiebung im Kartenmix verschluckt.
Häufige Fragen
Ab wann kann ich eine Reservierung über die girocard autorisieren?
Wie viel günstiger ist die girocard gegenüber einer Kreditkarte?
Bringt mir die Funktion etwas, wenn mein Vertrag einen Einheitssatz hat?
Können ausländische Gäste mit der girocard reservieren?
Verwandte Begriffe
- girocardDie girocard ist das nationale Debitkartensystem der deutschen Kreditwirtschaft. Für Händler ist sie die günstigste verbreitete Kartenart: meist rund 0,30 % Händlerentgelt je Zahlung.
- Vorautorisierung (Pre-Authorization)Eine Vorautorisierung reserviert einen Betrag auf der Karte, ohne ihn abzubuchen. Abgerechnet wird erst beim Buchungsabschluss, höchstens bis zur Höhe der Reservierung.
- Blended-PricingBeim Blended-Pricing zahlt der Händler für jede Karte denselben Mischsatz: einfach abzulesen, aber intransparent, weil Interchange, Scheme-Fee und Marge nicht getrennt ausgewiesen werden.
- KartenmixDer Kartenmix ist die Verteilung der Umsätze über Kartenarten (Debit, Kredit, Firmen-, Auslandskarten). Er bestimmt die effektiven Gebühren stärker als jeder Verhandlungstrick.